Walter Studencki

01. OKT. 2007

01. OKT. 2017

2007 habe ich noch mehr an der Krankheit gelitten, zwanghaft eine spannende Geschichte erzählen zu wollen. Und so war ich ein wenig enttäuscht, nach meinem zweiten Interview mit einem Rentner, der als Kind aus Deutschland in die USA eingewandert war. Walter Studencki war völlig unspektakulär.

So habe ich erst 10 Jahre später das Geschenk verstanden, das er mir gemacht hat. Er hat mir eine Geschichte gegeben, die ganz und gar unspektakulär Migration beschreibt. Wie er mit seinen Eltern in die USA gekommen ist, der Vater vom Krieg versehrt, arbeitsunfähig. Heute würde man sie Wirtschaftsflüchtlinge nennen. Wie er sein Leben lang in einer Fabrik gearbeitet hat. Er hat es damit zu einem normalen, angenehmen Leben gebracht.

Und während Herr Studencki seine Migrationsgeschichte erzählt, pflegen die die Migranten der heutigen Zeit den Park der Wohnanlage in der er mit seiner Lebensgefährtin lebt. Unaufgeregt, unspektakulär, so wie das Leben meist ist. Und so wie man schon lange keine Geschichte mehr hört, wenn es um Einwanderung geht.

Jean Woodham

30. SEP. 2007

30. SEP. 2017

„Ich bin Bildhauerin, Mutter, zum Teil Indianer und verwandt mit Jesse James, dem Banditen. Meine Leute sind 1620 ins Land gekommen und sie mussten in all diesen Kriegen kämpfen, der Revolution, dem Bürgerkrieg, dem ersten Weltkrieg, dem zweiten Weltkrieg. Und gleich am Anfang gegen die Indianer.” Mit diesen Sätzen begann mein erstes Interview auf dieser Reise. Jean Woodham erzähle mir vieles aus ihrem Leben. Von ihrem ersten Mann, der Alkoholiker war und sich vor einigen Jahren erschossen hat. Ihre Tochter hatte ihn gefunden. Jetzt macht sie sich Sorgen, weil ihre Tochter auch eine Waffe zu Hause hat. So viele Leute haben Waffen. Es geschehen so viele Unglücke mit Waffen.

Von Waffen würde ich noch häufig hören, von Gewalt. Das kannte ich so aus Europa nicht. In meiner Familie sprach man nie von Gewalt – Gewalt kannte ich nur aus dem Fernsehen.

Ich hatte mir vorgenommen, Amerikaner jenseits der Klischees zu portraitieren. Und dieses erste Interview war für meinen Geschmack zu nahe am Klischee. Das würde mir zu meiner Verwirrung noch oft so gehen. Erst am Ende meiner Reise – als ich einen Cowboy traf, der mir erzählte, dass er immer ein Cowboy hatte sein wollen und mir erklärte, warum er niemals ein Cowboy sein würde – mehr als einen Monat später wurde mir bewußt: die allermeisten Amerikaner entsprechen dem Klischee. Doch nie so, wie man es sich vorstellt.

Als ich diesen Sack endlich hatte, ging es mir besser

29. SEP. 2007

Meine Stimmung wechselt im Moment zwischen leichter Euphorie und mittlerer Panik. Meine Grundsorge ist die Frage, ob das ganze technische Prozedere so hinhaut wie ich es mir vorstelle. Eigentlich ist alles ganz einfach, aber es sind viele kleine Schritte und ich hoffe, dass ich die Leute, die mir helfen werden, nicht überfordere.

Und gestern wurde mir dann mit einem Schlag bewusst, dass ich viel zu viel Gepäck dabei habe. Keine Ahnung, wie ich den Kram auf dem Motorrad unterbringen soll. Es war die ganze Zeit so viel zu tun, ich habe einfach nicht darüber nachgedacht, habe nicht darüber nachdenken wollen. Anyway – ich habe mir heute in Manhattan einen Armeesack gekauft, den werde ich hinten draufbinden. Wasserdicht ist er nicht, abschliessbar natürlich auch nicht, egal, vielleicht finde ich unterwegs noch etwas besseres.

Die Stimmung steigt ganz gewaltig, als mir Monica Ponzini, die mit mir ein Interview macht, von ihrer Step-grand-mother erzählt. Sie wohnt eine Stunde von New York entfernt in Connecticut. Eine ältere Dame, eine ehemalige Bildhauerin, etwas schwerhörig. Eine der Regeln, die ich mir für dieses Projekt gegeben habe: „Keine Künstler.“ Das Projekt ist noch gar nicht losgegangen, da werfe ich die erste Regel bereits über Bord, oder besser: ich werfe sie nicht ganz über Bord, ich modifiziere sie: Keine Künstler, die nicht mindestens doppelt so alt sind, wie ich.

Monica greift zum Telefon und ruft ihre Step-grand-mother an. Mein erster Interviewtermin: Eine 87 jährige Dame. Euphorie!

29. SEP. 2017

Das Goethe Institut in New York City hatte damals eine große Party für mich geschmissen. In einem Ehrfurcht einflößendem Gebäude gegenüber dem Metropolitan Museum of Art an der 5th Avenue. Es war mir unangenehm, so im Mittelpunkt. Und abgesehen davon hatte ich ja überhaupt noch nichts geleistet, abgesehen davon, dass ich das Motorrad, das mir BMW für den Trip geliehen hatte über eine Rampe in das Foyer des Gebäudes geschoben hatte.

Auf dem Blog schrieb ich von der Party nichts. Was sollten die Leute denken, mit denen ich auf meiner Reise sprechen würde? Dass ich ein Typ bin, für den man in New York Parties schmeisst? Ich fühlte mich wie der Typ, der sein geliehenes Motorrad bei BMW abholt und auf dem Weg dorthin seinen funkelniegelnagelneuen Motorradhelm in der öffentlichen Toilette eines Bahnhofs liegen lässt.

Ich habe kaum mehr Erinnerungen an die Party bei Goethe. Es sind viele Leute da gewesen, es gab Brezeln. Das sieht man auf den Fotos.

1000STORIES revisited

28. SEP. 2017

Im Herbst 2007 bin ich durch die USA gereist. Auf dem Motorrad und im Auftrag des Goethe-Instituts. Jeden Nachmittag um 4 Uhr – wenn das Licht am besten war – habe ich einen Amerikaner geschnappt und interviewt.

Zur selben Zeit reiste ein Amerikaner durch Deutschland mit dem selben Auftrag. Jeden Abend luden wir die Videos auf einen gemeinsamen Blog.

Ich führte ausführliche Gespräche mit den Menschen, die mir, je weiter ich mich vom Ausgangspunkt meiner Reise – New York – entfernte, immer fremder wurden. Es war die Idee der Reise, dorthin zu fahren, wo die Menschen lebten, die mir die Amerikaner, die ich in New York, San Francisco oder Los Angeles traf, auch nicht erklären konnten.

Die USA waren nach 7 Jahren Bush dem Rest der Welt fremd geworden. Ich machte mich auf die Suche, zu verstehen, was passiert war.

Dieses Projekt hatte ich mir ausgedacht konnte das Goethe-Institut dafür begeistern,  BMW lieh mir ein Motorrad und mit bescheidenem Budget machte ich mich auf die Reise. Der Trip war ungeheuer kräftezehrend, das hatte ich unterschätzt. Auf einem Motorrad 10.000 Meilen zu fahren, jeden Abend aufs neue ein billiges Motel zu finden, ist an sich schon anstrengend. Wir sind im Jahr 2007, es gibt kein Google Maps und kein mobiles High Speed Internet. YouTube steckte noch in den Kinderschuhen, es ist heute schwer vorstellbar: damals war selbst das einbinden von Videos auf eine Webseite alles andere als einfach.

Sich jeden Tag auf intensive und intime Gespräche mit Menschen einzulassen, die man vermutlich nie mehr wieder sehen wird, das alles zehrte mehr an meinen Kräften, als ich es vorausgesehen hatte.

Die Videos zu schneiden, auf einen Server hochzuladen, die Übersetzung zu managen und telefonischen Support zu leisten, für meinen Kollegen, der zeitgleich in Deutschland unterwegs war, das alles brachte mich wiederholt an meine Grenzen.

Heute, 10 Jahre später werde ich das Material erneut veröffentlichen. Mit Kommentaren und Anmerkungen versehen, es ist der Versuch, die Geschichte hinter der Geschichte mit zu erzählen.