Sergeant Russel Burns

15. OKT. 2017

An Tag 12 habe ich vier Tage gearbeitet. Eigentlich hatte ich geplant jeden Tag ein Video zu schneiden – aus dem Material, das ich 2007 gefilmt hatte. Ich wollte sogar mehr Clips schneiden, um einen Vorrat zu haben, für die Tage, an denen ich arbeiten gehen muss, um Geld zu verdienen. Doch das Material ist viel zu umfangreich. Keine Ahnung wie ich es 2007 auf der Reise geschafft habe, jeden Tag ein Clip zu veröffentlichen, neben all dem anderen, was noch zu tun war. 2017 muss ich nur 10 Minuten von zu Hause in mein Atelier laufen und komme trotzdem nicht hinterher. 2007 habe ich mir während der Interviews Notizen gemacht und am Abend nur ein paar Minuten aus dem Material genommen. Jetzt sichte ich alles.

Sergeant Russel Burns ist Polizist in Indianapolis. Er ist Supervisor von 5 oder 6 Männern, die in dieser Nacht auf Streife sind. “Wenn ich Dich hier rauslasse”, sagt er einmal, “und Du hier alleine rumläufst, ich garantiere dir, du wirst innerhalb von wenigen Minuten das Opfer eines Verbrechens.”

Russel Burns versucht mir beizubringen, woran man eine schlechte Gegend erkennen kann. Eine Fähigkeit, die überlebenswichtig sein kann, wenn man in den USA alleine mit dem Motorrad unterwegs ist. “Da wo du herkommst muss man sich über so etwas keine Gedanken machen?” fraget Russel Burns, “das ist ja interessant.”

Es ist in dieser Nacht, dass ich erste mal auf meiner Reise eine Waffe sehe. Ich werde noch einige zu Gesicht bekommen. Es ist auch die Nacht, in der die Angst losgeht, keine große Angst, doch sie wird mich von da an immer begleiten, so lange ich in den USA bin.

Russel Burns bringt mir in dieser Nacht einige Dinge über Amerika bei. Über Rassismus, Gentrifizierung, den Irak-Krieg, Drogen und vieles mehr.

2007 musste ich am nächsten Tag schon wieder weiter. 2017 nahm ich mir vier Tage, das Video zu schneiden. Es ist 28 Minuten lang und “total fesselnd”, wie meine Frau gesagt hat, die es als erste sah.

Die kommenden zwei Wochen ist nun erstmal Pause mit 1000STORIES. Ich tausche mein Atelier mit der Nachrichtenredaktion, in der ich meine Zeit verbringe, um Geld zu verdienen. Am 28. Oktober geht es weiter.

Und nun ohne weitere Vorrede – Sergeant Russel Burns:

 

12. OKT. 2017

Yollanda Maddrey – Wir werden deinen Hund töten

11. OKT. 2007

Yolanda erzählt von ihrem Hund und wie man ihn ihr weggenommen hat. Yolanda war die erste Frau im Police Departement Dowagiac, Michigan. Die Kollegen waren ausgesprochen nett, haben sich fürsorglich um sie gekümmert. Yolanda war acht Jahre bei der Polizei, bevor sie, in einem anderen Ort, in die K-9 Unit aufgenommen wurde. Die K-9 Unit ist die Hundestaffel der Polizei, sie begreift sich als eine Elite-Einheit. Ihr Hund hieß „Zyrus“, sie hat diesen Hund geliebt. „Weißt du, du lebst mit dem Hund, du arbeitest mit dem Hund, der Hund ist dein Kollege, du bist den ganzen Tag mit ihm zusammen.“

Doch es gab Kollegen, die haben es nicht ertragen, dass eine schwarze Frau bei der K-9 Unit ist. Man hat ihr anonym aufs Telefon gesprochen. „Du verdienst deinen Hund nicht.“ „Wir werden deinen Hund töten.“ Ihre Vorgesetzten haben Yolanda nicht geholfen. Man hat sie unter Druck gesetzt. „Entweder, Du gibst den Hund auf, oder du wirst gefeuert.“ Yolanda wollte ihren Hund nicht aufgeben. So hat man sie rausgeschmissen. Sie ist vom Land in die Stadt gezogen und arbeitet jetzt bei der Polizei in Indianapolis. Sie geht nachts auf Streife. Sechs Tage am Stück, dann hat sie drei Tage frei. An ihren freien Tagen hat sie noch einen anderen Job, in ihrer Polizeiuniform, an einer High-School: sechs Security-Leute passen dort auf 2500 Schüler auf.

11. OKT. 2017

Wer in des USA ein Motorrad kauft, bekommt noch ein paar wichtige Tipps gratis mit dazu: Wie man am besten lernt, Motorrad zu fahren.

Ich hatte nicht sehr lange vor meiner Reise durch die USA meinen Motorradführerschein in Deutschland gemacht. Es war eine Ausbildung, für die ich mich mit anderen Männern in ein Klassenzimmer setzte und Abende lang Theorie hörte. Es gab viele Stunden praktischer Übungen in denen einem der Respekt vor der Kraft der Maschine beigebracht wurde.

In den USA hat man sehr viel mehr Vertrauen in die Vernunft des Individuums. Offenbar geht man davon aus, dass sich jemand, der für sein Glück selbst verantwortlich ist, entsprechend verantwortungsvoll verhält.

Wie ein Schriftsteller

08. OKT. 2007

Es ist ein Traum. Ich fahre mit dem Motorrad durch die warme, weiche Luft Amerikas. Abends bin ich im Motel, schreibe, schneide Video, mein Computer, meine Foto- und meine Videokamera. Ich habe alles dabei, was ich brauche. Es ist anstrengend – ja. Ich stehe früh auf. Arbeite morgens ein, zwei Stunden am Computer. Packe meinen Kram zusammen und fahre los. Ich fahre den ganzen Tag. Unterbrochen von ein, manchmal zwei Tankstopps, einmal halte ich an um zu essen und einmal am Tag suche ich mir jemandem mit dem ich ein Interview machen kann. Das ist einfach.

Ich frage Leute, die vor ihrem Haus sitzen. Wenn mir tagsüber noch nicht schon einer untergekommen ist, halte ich ab vier Uhr nachmittags gezielt Ausschau. Vier Uhr ist eine gute Zeit. Das Licht ist gut, viele Leute sind von der Arbeit zu Hause und sitzen im Garten. Ich bin noch kein einziges Mal abgewiesen worden.

Heute habe ich direkt am Vormittag jemanden gefunden. Ein Mann, der in seiner Garage einen Flohmarkt veranstaltete. Garage-Sale. Das ist hier sehr üblich. Um vier Uhr habe ich mir etwas zu Essen gesucht. In dem Laden, in dem ich gelandet bin, kam ich mit einem Jungen ins Gespräch, der dort arbeitet. Mein Motorrad, mein Akzent, ich bin für die Leute interessant. Der Junge war so großartig und hat so viel von seinem Leben erzählt, ich habe ein Foto gemacht, und mir Notizen aufgeschrieben. Mein Interview des Tages hatte ich ja schon auf Band. Das Foto ist toll geworden. Ich sitze im Motel und ich fühle mich wie ein Schriftsteller. Das Motorrad steht vor der Tür, die Haut brennt von der Sonne. Seit ich losgefahren bin, habe ich keinen Alkohol getrunken, ich esse wenig. Ich bin ein wenig müde, aber voller Energie.

08. OKT. 2017
Michael Hohl kommentiert auf Facebook:

Was mich jedes Mal wieder erstaunt ist wie bereitwillig und aktiv sich die Leute auf ein Gespraech einlassen. Als haetten sie darauf gewartet das endlich mal jemand kommt und sie nach ihrer Meinung fragt. All sind auf ihre Art liebenswert und ernsthaft. Der richtige Begriff faellt mir noch ein … sowas wie Integritaet ….

Ich antworte:

Zu Beginn waren die Gespräche oft zäh. Ich sehe mir ja jetzt die Interviews wieder komplett an, und naja, das waren ja lange Gespräche. Meist mehr als eine Stunde. Die Leute entwickeln über diese Zeit Vertrauen. Ich denke, sie merken, dass ich mich für sie interessiere. Dass ich nicht darauf aus bin, eine Geschichte zu erzählen und die Leute nur brauche um mir die Bausteine dafür zu liefern.

Die Clips, die ich 2017 schneide sind in der Tat das Kondensat von 1-1/2 Stunden Gespräch. Ich habe mir die letzten Tage eine Arbeitsweise angewöhnt, bei der ich in einem ersten Schritt alles aus dem Interview herausziehe, was „intensiv“ ist. Da bleiben dann meist 15-20 Minuten übrig. In einem zweiten Arbeitsgang verdichte ich. Ich stelle fast nichts um und ich versuche nicht (mehr) in sich schlüssige Geschichten zu erzählen. Wenn etwas fehlt, fehlt es.

Dave Teleha

06. OKT. 2007

Es ist Samstag Vormittag, Ohio verwandelt sich in einen riesigen Flohmarkt. Die amerikanischen Autofahrer, ohnehin keine Raser, steuern ihre Schiffe noch langsamer über die Landstraßen, bremsen abrupt und fahren, ohne zu blinken, auf die andere Strassenseite, wenn wenn dort ein rot-weißes „Garage-Sale“ Schild in einer Hofeinfahrt steht. Meine BMW hat ABS, welch ein Glück.

Zu kaufen gibt es alles, was sich an überflüssigem in einem Haushalt ansammelt, und das in rauen Mengen und zu sensationellen Preisen. Ein hölzerner Kleiderständer für 5 Dollar, Ein Karton voller leerer Bierdosen aus aller Welt für 3 Dollar, 2.50 für eine auf Holz gemalte amerikanische Flagge mit acht Sternen. Ein jedes Ding scheint einen Liebhaber zu finden. Gefeilscht wird nicht, die Stimmung ist ausgezeichnet. „Hi Honey, how are you today?“

 

06. OKT. 2017

Vielleicht hat Dave Trump gewählt. Wenn man ihn vor 10 Jahren reden hört klingt es so. Dabei sagt er nur, dass er wütend ist. Darauf, dass die Fabrik, bei der er und seine Frau all die Jahre gearbeitet haben geschlossen hat. Die Fabrik ist nach Mexiko gezogen, wegen den Free Trade Agreements. Er ist wüten, dass die Versprechungen, die ihm gemacht wurden nicht gehalten wurden. Weil andere Leute nur an ihren Profit denken.

Dave sitzt in seiner Garage und verkauft den Kram, der sich über die Jahre angesammelt hat. Die Dinge, die er sich mal gekauft hat, und die ihm jetzt nur im Wege stehen.

Er redet immer über Politik. Seine Familie würde es schon nicht mehr aushalten, sagt Dave. Seine Frau nickt.

Mark und Paula Cook

05. OKT. 2007

Paula hat von ihrem Vater zu Weihnachten ein Geschenk bekommen. Es ist eine kleine Pillendose. Der Vater hat die Dose von seinem Onkel. Der war im Krieg in Deutschland. Er war in einer Eliteeinheit und als einer der ersten amerikanischen Soldaten im Führerbunker. Er habe die Dose dort gefunden und mitgenommen. Auf der Rückseite sind zwei Buchstaben eingraviert: E und B. Der Onkel hat immer gesagt, dass dieses Döschen Eva Braun gehört habe, der Lebensgefährtin Adolf Hitlers.

05. OKT. 2017

Die Themen vor 10 Jahren, sind die selben Themen wie heute. Die Namen der Politiker haben sich ein wenig geändert, die Muster nicht.

Ganz so wie bei der letzten Wahl, geht es um die Frage, wie es sein kann, dass der Präsident nicht mit der Mehrheit der Stimmen gewählt wird.

Ganz so wie bei der letzten Wahl, geht es um die Frage, wie man nur für einen Kandidaten stimmt, nur weil man einen anderen Kandidaten verhindern will.

Es geht darum, welchen Einfluss die Medien haben (damals war allerdings das Fernsehen gemeint, vom Internet war noch nicht die Rede), es geht um Sex anderer Leute, um Schnellfeuerwaffen und auch Adolf Hitler darf nicht fehlen.

Doch alles ein wenig anders, als es die Klischees vermuten lassen.

Susan Culver

04. OKT. 2007

Susan Culver lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in der Näher der Kleinstadt Tionesta im Staat Pennsilvania. Ihr Mann hat vor kurzem seinen Job verloren, vier Monate war er arbeitslos. Es war schwierig, eine neue Stelle zu finden. Jetzt arbeitet er in einer Fabrik für Autoteile. 6 Tage die Woche, 12 Stunden am Tag, 12 Dollar die Stunde.

04. OKT. 2017

Steve, hat 25 Jahre als Polizist gearbeitet. Als ich ihn frage, ob er als ehemaliger Polizist einen genaueren Blick auf die amerikanische Gesellschaft habe, sagt er etwas ganz bemerkenswertes: “Wenn Du mit Polizeiarbeit zu tun hast, beschäftigst du dich entweder mit Kriminellen, oder mit Menschen, die deren Opfer wurden. Du siehst nur einen kleinen Ausschnitt, den aber überdeutlich. Damit bekommt man gerade keinen klaren Blick, auf die Gesellschaft im Allgemeinen.”

Von all dem, was am 4. Oktober 2007 gesagt wurde, sind es diese Sätze, die mir am 4. Oktober, 10 Jahre später, am meisten zu denken geben.
“Wenn Du mit Polizeiarbeit zu tun hast…” – Steve sagt nicht – “wenn Du Polizist bist”, und auch das macht besonderen Sinn, denn es haben sehr viel mehr Menschen mit Polizeiarbeit zu tun, als Polizisten. Da ist natürlich die Justiz, sind die Gefängnisse, von denen es so viele in den USA gibt; da sind aber auch die Reporter und Journalisten, die Medien, die so viel darüber berichten, weil Polizeiarbeit eine solch reiche Quelle an spannenden Geschichten ist. Mit Polizeiarbeit beschäftigt sich dann letztendlich auch meine Mutter, wenn sie die Nachrichten im Fernsehen schaut.

Wir alle beschäftigen uns mit Polizeiarbeit. Und was sagt Steve? Dass uns genau diese Übung dem klaren Blick auf die Gesellschaft im Wege steht, unseren Blick verzerrt.

Diese Sätze kommen ohne jeden Pomp daher, von einem einfachen Mann, ganz einfach gesagt.

Ich würde gerne erzählen, dass ich über diese Sätze noch lange nachgedacht habe, als ich wieder auf dem Motorrad saß. Dem war allerdings nicht so.

Steves Sätze sind mir damals genauso durchgerutscht, wie viele andere. Weil ich allzu sehr auf der Suche nach dem Spektakulären war. Und weil es eben nicht spektakulär ist, wenn ein Polizist sagt: Ich habe vieles gesehen, aber das zu verallgemeinern wäre:

– dumm? – unwissenschaftlich?

Die geile Geschichte ist es erstmal nicht. Oder doch? Jedenfalls ganz anders, als ich es damals zu formulieren in der Lage war.

 

Sarah Shaffer

03. OKT. 2007

Sarah Shaffer ist 28 Jahre alt. Den Trailer, in dem sie mit ihrem Sohn lebt, hat sie einem Cousin abgekauft, für 2500 Dollar. 250 Dollar im Monat zahlt sie für das Grundstück auf dem er steht. Der Vater ihres Sohnes sitzt im Gefängnis, er hat einen Mann niedergestochen. Sahra war auch im Gefängnis, sie hat früher mit Drogen gedealt. Gegen ihre Depressionen und Gewaltausbrüche bekommt sie jetzt Medikamente.

03. OKT. 2017

Sarah Shaffer ist im Jahr 2014 gestorben. Sie wurde 35 Jahre alt.

Eva Goodwin

01. OKT. 2007

02. OKT. 2017

Eva Goodwin studiert an einem Liberal Arts College für Frauen. Sie ist 21 und hat ihr Leben noch vor sich. Zwei Tage zuvor, bei meinem Gespräch mit der 1925 geborenen Bildhauerin Jean Woodham, hatte ich mit einer Frau gesprochen, die ihr Leben bereits gelebt hat. Beide haben viele Ähnlichkeiten, zwei intellektuelle Frauen aus verschiedenen Generationen. Aus einem ganz anderen Blickwinkel geht es auch bei Eva Goodwin um Identität, die Rolle der Frauen in der Gesellschaft und wie Männer diese Beeinflussen.

Es sind Sätze, die zwischen den Geschichten stehen, die erst im Rückblick Bedeutung bekommen: Wenn Eva sagt: “Viele Amerikaner haben viel Misstrauen gegenüber Akademikern und Intellektuellen…” sie führt den Gedanken nicht weiter aus. 2007 war es nur eine Beobachtung, die sich in der darauf folgenden Dekade zu einer mächtigen Geschichte auswuchs. Dieses Misstrauen gegenüber Akademikern, Intellektuellen, Experten, das Eva Goodwin 2007 beschrieb, führt auf direktem Weg zum jetzigen Präsidenten. Das heutige Amerika lässt sich ursächlich auf dieses Misstrauen zurückführen. Die jetzigen Präsidentschaft hat ihre Wurzeln darin. 2007 war es nur ein Satz, der zusammenhanglos zwischen shiny Stories steht. Ich hätte ihn damals sicherlich herausgeschnitten. Weil sich mir seine Bedeutung nicht erschlossen hätte. Ich wusste nicht, dass in diesem Satz die Saat liegt, für das, was heute wuchert.

Dieser Gedanke lässt mich nicht mehr los: Wir erzählen uns den ganzen Tag Geschichten. Und es liegt in der Natur der Geschichte: Geschichten müssen in sich geschlossen sein, abgeschlossen. Daher verkörpern sie zwangsläufig die Vergangenheit. Das Neue, die Saat, die noch nicht aufgegangen ist, äussert sich allenfalls in Beobachtungen, lässt sich aber (noch) nicht in Geschichte erzählen. Doch diese Saat ist es, die wichtig ist. Sie rechtzeitig zu erkennen gibt uns die Möglichkeiten, auf die Zukunft gestaltend einzugreifen. Dann, wenn man die Beobachtung zu einer Geschichte geronnen ist, ist es zu spät. Die Geschichte ist bereits Vergangenheit.

Die glänzenden Geschichten, die wir uns erzählen, lenken uns nur von dem ab, was zwischen den Geschichten steht. Und der Fokus unserer Zeit auf Stories macht uns in Wahrheit blind. Wir fabrizieren Geschichten indem wir das, was nicht zur Geschichte passt weg scheiden und in den Müll werfen. Und damit werfen das Relevante weg und heben das Irrelevante auf.

Hillary Clinton versuchte 2007 das erste Mal, Präsidentin der USA zu werden. Sie war damals noch die klare Favoritin im Rennen um die Vorwahlen. Barack Obama wurde dann überraschend der Spitzenkandidat der Demokratischen Partei und später Präsident.

“Würde Amerika eine Frau zur Präsidentin wählen?” – überlegt Eva Goodwin. Die selbe Frage würde zwei Präsidentschaften später wieder gestellt. Eva erzählt, warum Bekannte von ihr Hillary Clinton nicht mögen: Weil sie ihr Unterstelle, sich nur um dem Streben nach Macht willen nicht gegen ihren Mann gewandt zu haben, nach seiner Affäre mit Monica Lewinsky. Abgesehen davon, dass man, wie Eva beschreibt, ohnehin nicht wissen kann, was Hillary Clintons Entscheidung motivierte – würde man jemals auf die Idee kommen, einem Mann sein Streben nach Macht vorzuwerfen? Darum geht es doch, wenn man sich ums Präsidentenamt bewirbt.

Ach ja, und die Gans, von der am Ende die Rede ist, sie würde heute sicher Donald heissen.

 

 

Walter Studencki

01. OKT. 2007

01. OKT. 2017

2007 habe ich noch mehr an der Krankheit gelitten, zwanghaft eine spannende Geschichte erzählen zu wollen. Und so war ich ein wenig enttäuscht, nach meinem zweiten Interview mit einem Rentner, der als Kind aus Deutschland in die USA eingewandert war. Walter Studencki war völlig unspektakulär.

So habe ich erst 10 Jahre später das Geschenk verstanden, das er mir gemacht hat. Er hat mir eine Geschichte gegeben, die ganz und gar unspektakulär Migration beschreibt. Wie er mit seinen Eltern in die USA gekommen ist, der Vater vom Krieg versehrt, arbeitsunfähig. Heute würde man sie Wirtschaftsflüchtlinge nennen. Wie er sein Leben lang in einer Fabrik gearbeitet hat. Er hat es damit zu einem normalen, angenehmen Leben gebracht.

Und während Herr Studencki seine Migrationsgeschichte erzählt, pflegen die die Migranten der heutigen Zeit den Park der Wohnanlage in der er mit seiner Lebensgefährtin lebt. Unaufgeregt, unspektakulär, so wie das Leben meist ist. Und so wie man schon lange keine Geschichte mehr hört, wenn es um Einwanderung geht.