Julie Dias – One god, no

Julie Dias ist 36, sie lebt mit ihren vier Kinder in Killeen, Texas. Sie ist auf Guam aufgewachsen, einer kleinen Insel inmitten des pazifischen Ozeans. Mit 17 wurde sie schwanger und hat den Vater ihres Kindes geheiratet. Als Julie 19 war, hat sie die Insel das erste mal verlassen, sie ist ihrem Mann nach Kaliforien gefolgt. Er ist zur Armee gegangen, und Julie war mit ihm in der ganzen Welt. Auch in Deutschland waren sie stationiert. Den Kindern hat es besonders gut gefallen, sie mochten die Schlösser und Burgen.

Sie haben nun in Killeen ein Haus gekauft. Zwei Tage nachdem sie eingezogen waren, wurde ihr Mann in den Irak geschickt. Es ist sehr traurig, sagt Julie, sie weiß von vielen Soldaten, die nicht zurückgekehrt sind. Julis Sohn ist vor kurzem auch zur Armee gegangen. Sie wollte es nicht, darum hat er ihr nichts davon gesagt. Er macht gerade seine Grundausbildung und er schlägt sich ganz gut, sagt Julie. Es könnte sein, das der Vater und der Sohn bald zur gleichen Zeit im Irak kämpfen.

Paranoia

Ich werde von einem dieser gelben Schulbusse verfolgt. Mein Herz pocht wie wild, ich fahre so schnell es geht die Sandpiste entlang, immer wieder kommt das Motorrad ins schlingern.

Zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags stehen auf Amerikas Landstraßen zahlreiche Autos hinter gelben Bussen. Schulbusse funktionieren in Amerika anders als in Deutschland. In Deutschland halten Schulbusse an der Bushaltestelle. In Amerika halten sie überall. Als ich noch zur Schule ging, bin ich auch ein paar Jahre mit dem Bus gefahren. Die Bushaltestelle war fast einen Kilometer von meinem Elternhaus entfernt. Amerikanische Busse sind ein Spektakel. Sie bleiben mitten auf der Strasse (auch auf der Landstrasse!) stehen, es blinken rote Warnleuchten abwechselnd rechts und links, und auf der Fahrerseite klappt ein Stoppschild heraus. Rechterhand geht eine Tür auf und der Bus spuckt nach einer Weile ein Kind aus, genau hinein in die offenen Arme einer am Straßenrand wartenden Mutter. Die Autos hinter dem Bus halten und, das ist das Tolle: Auch die Autos auf der Gegenfahrbahn bleiben stehen! Der Verkehr ist kurze Zeit lahm gelegt. Nach einer Weile geht es weiter.

Einmal kam ich während des Frühstücks in einem Motel mit einer Dame ins Gespräch. Sie ist in einen Schulbezirk in der Nähe von Chicago für die Schulbusse zuständig. „Was glauben Sie kostet so ein Schulbus?“ will sie wissen. Ich schätze 150 000 Dollar und liege völlig daneben. 50 000 bis 70 000 Dollar, je nach Ausstattung. Es gibt drei verschiedene Herstellerfirmen: Bluebird, International und Thomas. Man kann sich auch aussuchen, welchen Motor man haben will. In ihrem Schulbezirk fahren die Busse mit Mercedes-Diesel-Motoren. Wenn ein Bus Feuer fängt hat man nur 90 Sekunden, um alle Insassen zu evakuieren. Dann steht der Bus in Flammen. Die Dame hat es in einem Schulungsvideo gesehen.

Leider habe ich es bisher immer verpasst, das nachmittägliche Schulbus-Spektakel zu filmen. Zu Beginn meiner Reise hätte ich mir noch nichts dabei gedacht, doch mittlerweile bin ich vorsichtiger. Ich habe Eric begleitet, den ich in der Nähe von Dallas interviewt habe, als er seine beiden Töchter von der Schule abholen ging. Ich hatte meine kleine Videokamera dabei. Als wir die Schule sehen konnten, sagte Eric: „Tu deine Kamera bitte weg, die meisten Eltern haben es nicht gerne, wenn ihre Kinder gefilmt werden.“ Davon hatte ich schon gehört, ich hatte es vergessen.

Heute kam das Licht von hinten, nachmittags um vier hatte es einen schönen warmen Ton. Vor mir auf der Landstraße hält ein Schulbus. Ich hole meine Kamera aus der Tanktasche – ich habe eine Vorrichtung am Lenker, an der ich sie befestigen kann, doch ich bin nicht schnell genug, der Bus fährt schon wieder an. Hinter mir eine Schlange von Autos. Fluchend fahre ich an die Seite, die Kamera in der Hand. Langsam fahren die Autos an mir vorbei. Und auf der andern Straßenseite steht zu meinem Schrecken ein kleines Mädchen, ganz ungewöhnlich, ohne Mutter. Da stehe ich nun am Straßenrand in meinen schwarzen Klamotten, auf meinem großen Motorrad, eine Videokamera in der Hand. Einem jeden wachen Bürger muss sich förmlich ein Bild aufdrängen: Kinderschänder. Ganz langsam ziehen die Autos an mir vorbei, panisch packe ich die Kamera weg und gebe Gas. Nur weg von diesem Mädchen … Ein Stück weiter montiere ich die Kamera und nehme die Verfolgung des Schulbusses auf. Er biegt von der Hauptstraße auf einen Schotterweg ab. Ich hinterher. Er fährt ziemlich lange, dann endlich: Blinker an, Stoppschild ausgeklappt, Kinder raus. Ich filme von hinten, bin mir nicht sicher, ob ich alles drauf habe. Die Kinder laufen weg, bleiben stehen, schauen mich an, laufen zum Bus zurück, sagen etwas, laufen weg – oder bilde ich mir das nur ein? Der Bus fährt weiter, ich folge. Es ist eine schmale Straße, rechts und links Büsche. Der Bus blinkt rechts. Verdammt. Er macht mir Platz um mich vorbeizulassen. Ist es aus Freundlichkeit? Ich winke, als ich den Bus überhole. Nun also der Bus hinter mir, mein GPS zeigt keine Straße, die Straße wird ein Sandweg. Sehr unangenehm zu fahren, ich schwimme in meiner Spur. Der Bus hinter mir. Ich fahre immer weiter von der Landstraße weg. Meilenweit. Es geht bergab. Irgendwann endlich, ein Einfahrt in ein Feld, ich fahre an die Seite, lasse den Bus vorbei. Ich filme, wie er den Berg hinab fährt. Wenn er unten um die Kurve ist, drehe ich um. Doch er fährt nicht um die Kurve, tatsächlich, da unten 200 Meter, da ist Platz, der Bus wendet. Wendet der verdammte Bus hier oder dreht er wegen mir um? Ich bin nervös. Wende ebenfalls. Ich schlittere über den Sand. Zurück zur Landstraße. Ich fahre schneller. Der Bus auch. Hat der ein Funkgerät, ruft er den Sheriff? „Mein Name ist Florian Thalhofer, ich komme aus Deutschland, ich drehe einen Dokumentarfilm über Schulbusse.“ Wenig glaubhaft. Ich bin in Texas. Hier schützen sich die Bürger selbst. Eigentlich lustig aber verdammt noch mal, ich bin in Panik. Glücklich erreiche ich die Landstraße und presche davon. Auf festem Boden holt mich kein 70 000 Dollar-Bus ein. Ich fahre, bis es mir den Objektivdeckel von der Kamera fetzt.

Und zucke bei jedem gelben Bus zusammen, der mir von nun an entgegen kommt.