Als ich diesen Sack endlich hatte, ging es mir besser

Meine Stimmung wechselt im Moment zwischen leichter Euphorie und mittlerer Panik. Meine Grundsorge ist die Frage, ob das ganze technische Prozedere so hinhaut wie ich es mir vorstelle. Eigentlich ist alles ganz einfach, aber es sind viele kleine Schritte und ich hoffe, dass ich die Leute, die mir helfen werden, nicht überfordere.

Und gestern wurde mir dann mit einem Schlag bewusst, dass ich viel zu viel Gepäck dabei habe. Keine Ahnung, wie ich den Kram auf dem Motorrad unterbringen soll. Es war die ganze Zeit so viel zu tun, ich habe einfach nicht darüber nachgedacht, habe nicht darüber nachdenken wollen. Anyway – ich habe mir heute in Manhattan einen Armeesack gekauft, den werde ich hinten draufbinden. Wasserdicht ist er nicht, abschliessbar natürlich auch nicht, egal, vielleicht finde ich unterwegs noch etwas besseres.

Monica greift zum Telefon

Die Stimmung steigt ganz gewaltig, als mir Monica Ponzini, die mit mir ein Interview macht, von ihrer Step-grand-mother erzählt. Sie wohnt eine Stunde von New York entfernt in Connecticut. Eine ältere Dame, eine ehemalige Bildhauerin, etwas schwerhörig. Eine der Regeln, die ich mir für dieses Projekt gegeben habe: „Keine Künstler.“ Das Projekt ist noch nicht begonnen, da werfe ich die erste Regel bereits über Bord, oder besser: ich werfe sie nicht ganz über Bord, ich modifiziere sie: Keine Künstler, die nicht mindestens doppelt so alt sind, wie ich.

Monica greift zum Telefon und ruft ihre Step-grand-mother an. Mein erster Interviewtermin: Eine 87 jährige Dame. Euphorie!

Garage Sale

Es ist Samstag Vormittag, Ohio verwandelt sich in einen riesigen Flohmarkt. Die amerikanischen Autofahrer, ohnehin keine Raser, steuern ihre Schiffe noch langsamer über die Landstraßen, bremsen abrupt und fahren, ohne zu blinken, auf die andere Strassenseite, wenn wenn dort ein rot-weißes „Garage-Sale“ Schild in einer Hofeinfahrt steht. Meine BMW hat ABS, welch ein Glück.

Zu kaufen gibt es alles, was sich an überflüssigem in einem Haushalt ansammelt, und das in rauen Mengen und zu sensationellen Preisen. Ein hölzerner Kleiderständer für 5 Dollar, Ein Karton voller leerer Bierdosen aus aller Welt für 3 Dollar, 2.50 für eine auf Holz gemalte amerikanische Flagge mit acht Sternen. Ein jedes Ding scheint einen Liebhaber zu finden. Gefeilscht wird nicht, die Stimmung ist ausgezeichnet. „Hi Honey, how are you today?“

 

 

Darren

Upper Sandusky, Ohio

Ein alter Mann sitzt im Schatten eines großen Ladenschildes, ißt Chips und trinkt Limonade. Tasty Pastry steht auf dem Schild. Nur ein Mensch ist im Laden, Darren Perry, er arbeitet hier. Darren ist 17. Ich bestelle ein Barbecue Chicken Sandwich und einen Brownie. „Nur ein Sandwich?“ fragt Darren. „Wie groß ist es?“ frage ich zurück und Darren zuckt mit den Schultern. „Normale Größe“, sagt er und schaut ein wenig unsicher.

Darren arbeitet sechst Tage die Woche hier. Nach der Schule. Darren steht morgens um 6 Uhr auf, die Schule geht von 8 Uhr bis 14:45 Uhr. Danach steht Darren bei Tasty Pastery hinter der Theke – bis 23 Uhr. Er muss noch Schularbeiten machen, bevor er ins Bett geht. 6 Dollar 85 verdient Darren pro Stunde. Auf ungefähr 800 Dollar kommt er so im Monat. Er gibt es seinen Eltern die tun es auf ein Sparbuch – fürs College.

Doch Darren will gar nicht aufs College, er möchte Automechaniker werden. Fast alle in seiner Familie haben etwas mit Automobilen zu tun. Seinem Onkel gehört der Auto-Ersatzteil-Laden am Ende der Straße. Darren liebt Autos. Sein ganzer Stolz steht auf dem Parkplatz vor dem Laden. Ein roter Dodge Avenger. „Das ist ein Sportwagen“ – sagt Darren. Er ist heute das erste Mal damit zur Arbeit gefahren. Zwei Wochen lang haben er und sein Vater den Wagen hergerichtet. Sein Vater hat ihm verboten, mit dem Auto die Stadt zu verlassen. Er will erst sicher sein, dass alles gut funktioniert. Nicht dass sein Sohn irgendwo liegen bleibt – da draußen.

Yolanda – Wir werden deinen Hund töten.

Yolanda erzählt von ihrem Hund und wie man ihn ihr weggenommen hat. Yolanda war die erste Frau im Police Departement Dowagiac, Michigan. Die Kollegen waren ausgesprochen nett, haben sich fürsorglich um sie gekümmert. Yolanda war acht Jahre bei der Polizei, bevor sie, in einem anderen Ort, in die K-9 Unit aufgenommen wurde. Die K-9 Unit ist die Hundestaffel der Polizei, sie begreift sich als eine Elite-Einheit. Ihr Hund hieß „Zyrus“, sie hat diesen Hund geliebt. „Weißt du, du lebst mit dem Hund, du arbeitest mit dem Hund, der Hund ist dein Kollege, du bist den ganzen Tag mit ihm zusammen.“

Doch es gab Kollegen, die haben es nicht ertragen, dass eine schwarze Frau bei der K-9 Unit ist. Man hat ihr anonym aufs Telefon gesprochen. „Du verdienst deinen Hund nicht.“ „Wir werden deinen Hund töten.“ Ihre Vorgesetzten haben Yolanda nicht geholfen. Man hat sie unter Druck gesetzt. „Entweder, Du gibst den Hund auf, oder du wirst gefeuert.“ Yolanda wollte ihren Hund nicht aufgeben. So hat man sie rausgeschmissen. Sie ist vom Land in die Stadt gezogen und arbeitet jetzt bei der Polizei in Indianapolis. Sie geht nachts auf Streife. Sechs Tage am Stück, dann hat sie drei Tage frei. An ihren freien Tagen hat sie noch einen anderen Job, in ihrer Polizeiuniform, an einer High-School: sechs Security-Leute passen dort auf 2500 Schüler auf.

Crystal Meth

Marilyns Exmann ist Arzt und lehrt an der Universität von Vincennes in Indiana. Er ist in der Kirche engagiert, zusammen mit ihrem Sohn lebten sie in einem großen Haus. Marilyn hat alles verloren. Sie hat fast 10 Jahre lang Methamphetamin genommen, mann nennt es auch Crystal. Die erste Dosis hat sie von ihrer Nichte gekauft, für 25$. Ihre Nichte hat das Zeug in großem Stil hergestellt. Dafür sitzt sie heute im Knast.

Auch Marilyns Sohn ist im Gefängnis, wegen den Drogen. Zu ihrem Mann hat sie keinen Kontakt mehr. Sie lebt in einer kleinen Sozialwohnung in der Kleinstadt Washington, Indiana. 782$ bekommt sie im Monat von der staatlichen Social Security Disability Insurance. Marilyn ist glücklich, dass ihr das alles widerfahren ist. Es habe ihr den Weg zu Gott gezeigt, sagt sie.

Angst

Es regnet. CAUTION MINIMUM MAINTENANCE ROAD – LEVEL B SERVICE – ENTER AT YOUR OWN RISK steht auf dem Schild. Ich komme nur wenige Meter weit. Dann rutscht mir das Motorrad im Schlamm weg.

Weit und breit kein Mensch. Ich versuche bis zur Erschöpfung, das Motorrad wieder aufzurichten. Von da an bis ans Ende meiner Reise wird mir der Rücken schmerzen. Irgendwann gebe ich auf. Mein Mobiltelefon zeigt einen Balken. Ich rufe 911.

45 Minuten später taucht ein Polizeiauto auf.

„Und pass gut auf Dich auf!“ sagt Floyd Patterson und gibt mir zum Abschied die Hand. Ich schaue wohl so, als würde ich nicht ganz verstehen.

„.Ich meine, du bist wirklich ein netter Kerl und so. Aber wenn du da draussen auf Leute zugehst, und alle mögliche Fragen stellst und so, nicht alle Menschen sind gut, die führen wer weiß was im Schilde, wollen an deine Sachen, oder so.“

„Hey, Sie machen mir Angst,“ sage ich, „ich glaube fest, dass alle Menschen gut sind.“

„Ja, du hast sicher recht, die allermeisten Menschen sind gut, ich sage ja nur: Pass auf Dich auf.“