DAY13 – Marilyn Schwartz – Crystal Meth

11. OKT. 2007

Marilyns Exmann ist Arzt und lehrt an der Universität von Vincennes in Indiana. Er ist in der Kirche engagiert, zusammen mit ihrem Sohn lebten sie in einem großen Haus. Marilyn hat alles verloren. Sie hat fast 10 Jahre lang Methamphetamin genommen, mann nennt es auch Crystal. Die erste Dosis hat sie von ihrer Nichte gekauft, für 25$. Ihre Nichte hat das Zeug in großem Stil hergestellt. Dafür sitzt sie heute im Knast.

Auch Marilyns Sohn ist im Gefängnis, wegen den Drogen. Zu ihrem Mann hat sie keinen Kontakt mehr. Sie lebt in einer kleinen Sozialwohnung in der Kleinstadt Washington, Indiana. 782$ bekommt sie im Monat von der staatlichen Social Security Disability Insurance. Marilyn ist glücklich, dass ihr das alles widerfahren ist. Es habe ihr den Weg zu Gott gezeigt, sagt sie.

DAY12 – Sergeant Russel Burns

 

9. OKT. 2007

 

15. OKT. 2017

Für Tag 12 habe ich vier Tage gebraucht. Eigentlich hatte ich geplant jeden Tag ein Video zu schneiden – aus dem Material, das ich 2007 gefilmt hatte. Ich wollte sogar mehr Clips schneiden, um einen Vorrat zu haben, für die Tage, an denen ich arbeiten gehen muss, um Geld zu verdienen. Doch das Material ist viel zu umfangreich. Keine Ahnung wie ich es 2007 auf der Reise geschafft habe, jeden Tag ein Clip zu veröffentlichen, neben all dem anderen, was noch zu tun war. 2017 muss ich nur 10 Minuten von zu Hause in mein Atelier laufen und komme trotzdem nicht hinterher. 2007 habe ich mir während der Interviews Notizen gemacht und am Abend nur ein paar Minuten aus dem Material genommen. Jetzt sichte ich alles.

Sergeant Russel Burns ist Polizist in Indianapolis. Er ist Supervisor von fünf oder sechs Männern, die in dieser Nacht auf Streife sind. “Wenn ich Dich hier rauslasse”, sagt er, “und Du hier alleine rumläufst, ich garantiere dir, du wirst innerhalb von wenigen Minuten das Opfer eines Verbrechens.”

Russel Burns bringt mir bei, wie man eine schlechte Gegend erkennen kann. Eine Fähigkeit, die überlebenswichtig ist, wenn man in den USA alleine mit dem Motorrad unterwegs ist. “Da wo du herkommst muss man sich nicht über so etwas Gedanken machen?” fraget Russel Burns, “das ist ja interessant.”

In dieser Nacht sehe ich das erste mal auf meiner Reise eine Waffe. Ich werde noch einige zu Gesicht bekommen. Es ist auch die Nacht, in der ich anfange, Angst zu bekommen, keine große Angst, doch sie wird mich von da an immer begleiten, so lange ich in den USA bin.

Russel Burns bringt mir in dieser Nacht einige Dinge über Amerika bei. Über Rassismus, Gentrifizierung, den Irak-Krieg, Drogen und vieles mehr.

2007 musste ich am nächsten Tag schon wieder weiter. 2017 nahm ich mir vier Tage, das Video zu schneiden. Es ist 28 Minuten lang und “total fesselnd”, wie meine Frau gesagt hat, die es als erste sah.

EXTRA CLIP! Sergeant Russel Burns ist ein „Harley Boy“. Nichtsdestotrotz will er unbedingt einen Blick auf meine BMW werfen:

DAY11 – Yollanda Maddrey – Wir werden deinen Hund töten

8. OKT. 2007

Yolanda erzählt von ihrem Hund und wie man ihn ihr weggenommen hat. Yolanda war die erste Frau im Police Departement Dowagiac, Michigan. Die Kollegen waren ausgesprochen nett, haben sich fürsorglich um sie gekümmert. Yolanda war acht Jahre bei der Polizei, bevor sie, in einem anderen Ort, in die K-9 Unit aufgenommen wurde. Die K-9 Unit ist die Hundestaffel der Polizei, sie begreift sich als eine Elite-Einheit. Ihr Hund hieß „Zyrus“, sie hat diesen Hund geliebt. „Weißt du, du lebst mit dem Hund, du arbeitest mit dem Hund, der Hund ist dein Kollege, du bist den ganzen Tag mit ihm zusammen.“

Doch es gab Kollegen, die haben es nicht ertragen, dass eine schwarze Frau bei der K-9 Unit ist. Man hat ihr anonym aufs Telefon gesprochen. „Du verdienst deinen Hund nicht.“ „Wir werden deinen Hund töten.“ Ihre Vorgesetzten haben Yolanda nicht geholfen. Man hat sie unter Druck gesetzt. „Entweder, Du gibst den Hund auf, oder du wirst gefeuert.“ Yolanda wollte ihren Hund nicht aufgeben. So hat man sie rausgeschmissen. Sie ist vom Land in die Stadt gezogen und arbeitet jetzt bei der Polizei in Indianapolis. Sie geht nachts auf Streife. Sechs Tage am Stück, dann hat sie drei Tage frei. An ihren freien Tagen hat sie noch einen anderen Job, in ihrer Polizeiuniform, an einer High-School: sechs Security-Leute passen dort auf 2500 Schüler auf.

11. OKT. 2017

Wer in des USA ein Motorrad kauft, bekommt noch ein paar wichtige Tipps gratis mit dazu: Wie man am besten lernt, Motorrad zu fahren.

Ich hatte nicht sehr lange vor meiner Reise durch die USA meinen Motorradführerschein in Deutschland gemacht. Es war eine Ausbildung, für die ich mich mit anderen Männern in ein Klassenzimmer setzte und Abende lang Theorie hörte. Es gab viele Stunden praktischer Übungen in denen einem der Respekt vor der Kraft der Maschine beigebracht wurde.

In den USA hat man sehr viel mehr Vertrauen in die Vernunft des Individuums. Offenbar geht man davon aus, dass sich jemand, der für sein Glück selbst verantwortlich ist, entsprechend verantwortungsvoll verhält.

DAY08 – Darren

 

07. OKT. 2007

Ein alter Mann sitzt im Schatten eines großen Ladenschildes, isst Chips und trinkt Limonade. Tasty Pastry steht auf dem Schild. Nur ein Mensch ist im Laden, Darren Perry, er arbeitet hier. Darren ist 17. Ich bestelle ein Barbecue Chicken Sandwich und einen Brownie. „Nur ein Sandwich?“ fragt Darren. „Wie groß ist es?“ frage ich zurück und Darren zuckt mit den Schultern. „Normale Größe“, sagt er und schaut ein wenig unsicher.

Darren arbeitet sechst Tage die Woche hier. Nach der Schule. Darren steht morgens um 6 Uhr auf, die Schule geht von 8 Uhr bis 14:45 Uhr. Danach steht Darren bei Tasty Pastery hinter der Theke – bis 23 Uhr. Er muss noch Schularbeiten machen, bevor er ins Bett geht. 6 Dollar 85 verdient Darren pro Stunde. Auf ungefähr 800 Dollar kommt er so im Monat. Er gibt es seinen Eltern die tun es auf ein Sparbuch – fürs College.

Doch Darren will gar nicht aufs College, er möchte Automechaniker werden. Fast alle in seiner Familie haben etwas mit Automobilen zu tun. Seinem Onkel gehört der Auto-Ersatzteil-Laden am Ende der Straße. Darren liebt Autos. Sein ganzer Stolz steht auf dem Parkplatz vor dem Laden. Ein roter Dodge Avenger. „Das ist ein Sportwagen“ – sagt Darren. Er ist heute das erste Mal damit zur Arbeit gefahren. Zwei Wochen lang haben er und sein Vater den Wagen hergerichtet. Sein Vater hat ihm verboten, mit dem Auto die Stadt zu verlassen. Er will erst sicher sein, dass alles gut funktioniert. Nicht dass sein Sohn irgendwo liegen bleibt – da draußen.

DAY07 – Johnny W. Nachbar

07. OKT. 2017

Ich weiß nicht, was ein Trustee ist, aber Scharnhorst kenne ich – General Scharnhorst (1755 – 1813). Nicht nur, dass die Straße, in der ich in Berlin wohne, nach ihm benannt ist, er ist sozusagen mein Nachbar. Er liegt, 100 Meter neben meiner Wohnung, auf dem Invalidenfriedhof begraben.

Ich bin gerade wieder auf mein Motorrad gestiegen, da stapft, in John-Wayne-Manier, breitbeinig ein finster dreinblickender, ziemlich muskulöser, etwa 40-jähriger Mann vom Nachbarhaus herüber. Die Hände in riesigen schwarzen Arbeitshandschuhen, die beiden Arme im 30-Grad-Winkel zur Seite, ganz so, als hätte er links und rechts je einen Colt am Gürtel.

„Ich mag das wirklich überhaupt nicht“ mault er mich an, „wenn sich jemand auf dem Grund von meinem Nachbarn zu schaffen macht, was machst Du da überhaupt, fotografieren? Ich mag es gar nicht, wenn hier jemand einfach herumfotografiert.“

Ich steige also wieder vom Motorrad ab und erkläre die Sache mit dem General aus Berlin.

John Wayne ist völlig unbeeindruckt. „Wir sind hier gute Nachbarn. Wenn mein Nachbar nicht da ist, habe ich ein Auge auf sein Eigentum, und wenn ich nicht da bin hat er ein Auge auf meins.“ Ob es denn hier viel Kriminalität gibt, möchte ich wissen. „Es gibt eine Menge schlechter Leute. Die kommen aus Cincinatti und Indiana hier her.“ John Wayne wohnt schon seit 35 Jahren in der Gegend. Seit 18 Jahren in diesem Haus. „Ist schon mal etwas vorgekommen?“ frage ich, „Nein,“ sagt er, „aber es gibt hier jede Menge Kriminalität – Schaust du denn kein Fern?“

DAY00 – Als ich diesen Sack endlich hatte, ging es mir besser

29. SEP. 2007

Meine Stimmung wechselt im Moment zwischen leichter Euphorie und mittlerer Panik. Meine Grundsorge ist die Frage, ob das ganze technische Prozedere so hinhaut wie ich es mir vorstelle. Eigentlich ist alles ganz einfach, aber es sind viele kleine Schritte und ich hoffe, dass ich die Leute, die mir helfen werden, nicht überfordere.

Und gestern wurde mir dann mit einem Schlag bewusst, dass ich viel zu viel Gepäck dabei habe. Keine Ahnung, wie ich den Kram auf dem Motorrad unterbringen soll. Es war die ganze Zeit so viel zu tun, ich habe einfach nicht darüber nachgedacht, habe nicht darüber nachdenken wollen. Anyway – ich habe mir heute in Manhattan einen Armeesack gekauft, den werde ich hinten draufbinden. Wasserdicht ist er nicht, abschliessbar natürlich auch nicht, egal, vielleicht finde ich unterwegs noch etwas besseres.

Die Stimmung steigt ganz gewaltig, als mir Monica Ponzini, die mit mir ein Interview macht, von ihrer Step-grand-mother erzählt. Sie wohnt eine Stunde von New York entfernt in Connecticut. Eine ältere Dame, eine ehemalige Bildhauerin, etwas schwerhörig. Eine der Regeln, die ich mir für dieses Projekt gegeben habe: „Keine Künstler.“ Das Projekt ist noch gar nicht losgegangen, da werfe ich die erste Regel bereits über Bord, oder besser: ich werfe sie nicht ganz über Bord, ich modifiziere sie: Keine Künstler, die nicht mindestens doppelt so alt sind, wie ich.

Monica greift zum Telefon und ruft ihre Step-grand-mother an. Mein erster Interviewtermin: Eine 87 jährige Dame. Euphorie!

29. SEP. 2017

Das Goethe Institut in New York City hatte damals eine große Party für mich geschmissen. In einem Ehrfurcht einflößendem Gebäude gegenüber dem Metropolitan Museum of Art an der 5th Avenue. Es war mir unangenehm, so im Mittelpunkt. Und abgesehen davon hatte ich ja überhaupt noch nichts geleistet, abgesehen davon, dass ich das Motorrad, das mir BMW für den Trip geliehen hatte über eine Rampe in das Foyer des Gebäudes geschoben hatte.

Auf dem Blog schrieb ich von der Party nichts. Was sollten die Leute denken, mit denen ich auf meiner Reise sprechen würde? Dass ich ein Typ bin, für den man in New York Parties schmeisst? Ich fühlte mich wie der Typ, der sein geliehenes Motorrad bei BMW abholt und auf dem Weg dorthin seinen funkelniegelnagelneuen Motorradhelm in der öffentlichen Toilette eines Bahnhofs liegen lässt.

Ich habe kaum mehr Erinnerungen an die Party bei Goethe. Es sind viele Leute da gewesen, es gab Brezeln. Das sieht man auf den Fotos.