Als ich diesen Sack endlich hatte, ging es mir besser

Meine Stimmung wechselt im Moment zwischen leichter Euphorie und mittlerer Panik. Meine Grundsorge ist die Frage, ob das ganze technische Prozedere so hinhaut wie ich es mir vorstelle. Eigentlich ist alles ganz einfach, aber es sind viele kleine Schritte und ich hoffe, dass ich die Leute, die mir helfen werden, nicht überfordere.

Und gestern wurde mir dann mit einem Schlag bewusst, dass ich viel zu viel Gepäck dabei habe. Keine Ahnung, wie ich den Kram auf dem Motorrad unterbringen soll. Es war die ganze Zeit so viel zu tun, ich habe einfach nicht darüber nachgedacht, habe nicht darüber nachdenken wollen. Anyway – ich habe mir heute in Manhattan einen Armeesack gekauft, den werde ich hinten draufbinden. Wasserdicht ist er nicht, abschliessbar natürlich auch nicht, egal, vielleicht finde ich unterwegs noch etwas besseres.

Garage Sale

Es ist Samstag Vormittag, Ohio verwandelt sich in einen riesigen Flohmarkt. Die amerikanischen Autofahrer, ohnehin keine Raser, steuern ihre Schiffe noch langsamer über die Landstraßen, bremsen abrupt und fahren, ohne zu blinken, auf die andere Strassenseite, wenn wenn dort ein rot-weißes „Garage-Sale“ Schild in einer Hofeinfahrt steht. Meine BMW hat ABS, welch ein Glück.

Zu kaufen gibt es alles, was sich an überflüssigem in einem Haushalt ansammelt, und das in rauen Mengen und zu sensationellen Preisen. Ein hölzerner Kleiderständer für 5 Dollar, Ein Karton voller leerer Bierdosen aus aller Welt für 3 Dollar, 2.50 für eine auf Holz gemalte amerikanische Flagge mit acht Sternen. Ein jedes Ding scheint einen Liebhaber zu finden. Gefeilscht wird nicht, die Stimmung ist ausgezeichnet. „Hi Honey, how are you today?“

 

 

Darren

Upper Sandusky, Ohio

Ein alter Mann sitzt im Schatten eines großen Ladenschildes, isst Chips und trinkt Limonade. Tasty Pastry steht auf dem Schild. Nur ein Mensch ist im Laden, Darren Perry, er arbeitet hier. Darren ist 17. Ich bestelle ein Barbecue Chicken Sandwich und einen Brownie. „Nur ein Sandwich?“ fragt Darren. „Wie groß ist es?“ frage ich zurück und Darren zuckt mit den Schultern. „Normale Größe“, sagt er und schaut ein wenig unsicher.

Darren arbeitet sechst Tage die Woche hier. Nach der Schule. Darren steht morgens um 6 Uhr auf, die Schule geht von 8 Uhr bis 14:45 Uhr. Danach steht Darren bei Tasty Pastery hinter der Theke – bis 23 Uhr. Er muss noch Schularbeiten machen, bevor er ins Bett geht. 6 Dollar 85 verdient Darren pro Stunde. Auf ungefähr 800 Dollar kommt er so im Monat. Er gibt es seinen Eltern die tun es auf ein Sparbuch – fürs College.

Doch Darren will gar nicht aufs College, er möchte Automechaniker werden. Fast alle in seiner Familie haben etwas mit Automobilen zu tun. Seinem Onkel gehört der Auto-Ersatzteil-Laden am Ende der Straße. Darren liebt Autos. Sein ganzer Stolz steht auf dem Parkplatz vor dem Laden. Ein roter Dodge Avenger. „Das ist ein Sportwagen“ – sagt Darren. Er ist heute das erste Mal damit zur Arbeit gefahren. Zwei Wochen lang haben er und sein Vater den Wagen hergerichtet. Sein Vater hat ihm verboten, mit dem Auto die Stadt zu verlassen. Er will erst sicher sein, dass alles gut funktioniert. Nicht dass sein Sohn irgendwo liegen bleibt – da draußen.

Yolanda – Wir werden deinen Hund töten.

Yolanda erzählt von ihrem Hund und wie man ihn ihr weggenommen hat. Yolanda war die erste Frau im Police Departement Dowagiac, Michigan. Die Kollegen waren ausgesprochen nett, haben sich fürsorglich um sie gekümmert. Yolanda war acht Jahre bei der Polizei, bevor sie, in einem anderen Ort, in die K-9 Unit aufgenommen wurde. Die K-9 Unit ist die Hundestaffel der Polizei, sie begreift sich als eine Elite-Einheit. Ihr Hund hieß „Zyrus“, sie hat diesen Hund geliebt. „Weißt du, du lebst mit dem Hund, du arbeitest mit dem Hund, der Hund ist dein Kollege, du bist den ganzen Tag mit ihm zusammen.“

Doch es gab Kollegen, die haben es nicht ertragen, dass eine schwarze Frau bei der K-9 Unit ist. Man hat ihr anonym aufs Telefon gesprochen. „Du verdienst deinen Hund nicht.“ „Wir werden deinen Hund töten.“ Ihre Vorgesetzten haben Yolanda nicht geholfen. Man hat sie unter Druck gesetzt. „Entweder, Du gibst den Hund auf, oder du wirst gefeuert.“ Yolanda wollte ihren Hund nicht aufgeben. So hat man sie rausgeschmissen. Sie ist vom Land in die Stadt gezogen und arbeitet jetzt bei der Polizei in Indianapolis. Sie geht nachts auf Streife. Sechs Tage am Stück, dann hat sie drei Tage frei. An ihren freien Tagen hat sie noch einen anderen Job, in ihrer Polizeiuniform, an einer High-School: sechs Security-Leute passen dort auf 2500 Schüler auf.

Crystal Meth

Marilyns Exmann ist Arzt und lehrt an der Universität von Vincennes in Indiana. Er ist in der Kirche engagiert, zusammen mit ihrem Sohn lebten sie in einem großen Haus. Marilyn hat alles verloren. Sie hat fast 10 Jahre lang Methamphetamin genommen, mann nennt es auch Crystal. Die erste Dosis hat sie von ihrer Nichte gekauft, für 25$. Ihre Nichte hat das Zeug in großem Stil hergestellt. Dafür sitzt sie heute im Knast.

Auch Marilyns Sohn ist im Gefängnis, wegen den Drogen. Zu ihrem Mann hat sie keinen Kontakt mehr. Sie lebt in einer kleinen Sozialwohnung in der Kleinstadt Washington, Indiana. 782$ bekommt sie im Monat von der staatlichen Social Security Disability Insurance. Marilyn ist glücklich, dass ihr das alles widerfahren ist. Es habe ihr den Weg zu Gott gezeigt, sagt sie.

Albert Fults – Das hat großen Spaß gemacht

Toleda County in Missouri ist ein Paradies mit kleinen Macken. Ungefähr 18.000 Menschen leben in diesem Landkreis. Albert Fults ist, was man in Deutschland einen Landrat nennen würde. Früher hat er auf dem Fluß Missouri Kohle transportiert und später in einem Elektrizitätswerk als Schweisser gearbeitet, nebenher hatte er eine Farm mit 100 Rindern. Er hat sich darüber geärgert, wie in seinem County die Strassen verkommen, und dass man nicht genug tut, um Arbeitsplätze anzuziehen. Da hat er sich wählen lassen. Beim zweiten Anlauf hat es geklappt. Albert Fults regiert nun im Court-House von Toleda. „Das hat großen Spaß gemacht,“ sagt er meist am Ende eines Satzes, wenn er davon erzählt, was er gemacht, und wen er getroffen hat. Albert Fults klagt nicht. Wenn es Dinge gibt, die ihm nicht gefallen, versucht er sie zu ändern.

Sheriff G. Stolzer – We never had to shoot someone

Gerry Stolzer hat ein Stück Land gekauft. Es hatte früher schon einmal seiner Familie gehört, aber sein Großvater hatte es in einem schwachen Moment für einen Apfel und ein Ei verkauft. Mittlerweile gehörte es der Kirche und Gerry musste eine hohe Summe aufbringen, um es zurückzukaufen. „Viel zu viel Geld“ hatte er dafür bezahlt, und so musste er sich überlegen, wie er mit dem Grundstück Geld verdienen konnte. Wir sind in Amerika, Gerry ging zur Bank, nahm einen Kredit auf und stellte ein Restaurant auf sein Grundstück. Ein „Dairy Queen“. Das war vor genau 14 Jahren. Fünf Jahre lang hat Gerry fast Tag und Nacht dort gearbeitet. Dann lief der Laden, doch Gerry war ausgebrannt. Es war Zeit für etwas Neues.

Gerry erfüllte sich einen Kinderwunsch er ging auf die Police-Academy und wurde Polizist. Als Road Deputy fuhr er mit einem Polizeiauto durch Toleda County. Seine Frau führte von nun an das Dairy Queen. Gerry ist ein ruhiger, umgänglicher Typ. Doch es passte ihm nicht wie sein Boss, der Sheriff von Toleda County, bestimmte Dinge handhabte. Vor allem, wenn es darum ging, wie er das Drogenproblem im County anging. Er hat sich mit seinem Boss gestritten, er hat seinen Job hingeschmissen und selbst als Sheriff kandidiert. Sheriff Gerry Stolzer hat mit Hilfe der Bundespolizei in sieben Jahren ungefähr 140 illegale Methamphetamin-Labore ausgehoben.

Nach Feierabend fährt er und sein 7-jähriger Sohn Sam auf vierrädrigen Motorrädern über sein Land, und sie beobachten Rehe in der Abenddämmerung.

Toleda County, Missouri

Angst

 

Es regnet. CAUTION MINIMUM MAINTENANCE ROAD – LEVEL B SERVICE – ENTER AT YOUR OWN RISK steht auf dem Schild. Ich komme nur wenige Meter weit. Dann rutscht mir das Motorrad im Schlamm weg.

Weit und breit kein Mensch. Ich versuche bis zur Erschöpfung, das Motorrad wieder aufzurichten. Von da an bis ans Ende meiner Reise wird mir der Rücken schmerzen. Irgendwann gebe ich auf. Mein Mobiltelefon zeigt einen Balken. Ich rufe 911.

45 Minuten später taucht ein Polizeiauto auf.

„Und pass gut auf Dich auf!“ sagt Floyd Patterson und gibt mir zum Abschied die Hand. Ich schaue wohl so, als würde ich nicht ganz verstehen.

„.Ich meine, du bist wirklich ein netter Kerl und so. Aber wenn du da draussen auf Leute zugehst, und alle mögliche Fragen stellst und so, nicht alle Menschen sind gut, die führen wer weiß was im Schilde, wollen an deine Sachen, oder so.“

„Hey, Sie machen mir Angst,“ sage ich, „ich glaube fest, dass alle Menschen gut sind.“

„Ja, du hast sicher recht, die allermeisten Menschen sind gut, ich sage ja nur: Pass auf Dich auf.“

Warum der Mensch das Auto erfunden hat

Es sind Tage wie diese, an denen ich verstehe, warum der Mensch das Auto erfunden hat. Ich sehe morgens aus dem Fenster meines Motel-Zimmers: es regnet in Strömen. Muss es ja auch irgendwie – ich bin in Amana, Iowa, der zweiten Siedlung der deutschstämmigen „Gemeinde der wahren Inspiration“, die sich hier 1855 angesiedelt hat. So stehen also deutsche Schilder auf dem Parkplatz und über dem Schnell-Restaurant steht auf deutsch „Willkommen“.

Ich schaue aus dem Fenster und ich denke an Seargant Russel Burns, der mich in Indianapolis nachts mit auf Streife genommen hat. Am Ende hat er sich auf dem Parkplatz mein BMW-Motorrad angeschaut. Seargant Russel Burns fährt auch Motorrad, er ist ein Harley-Boy, und er konnte gar nicht genug davon bekommen, sich über meine BMW lustig zu machen. Insbesonde die Griff-Heizung hatte es ihm angetan. „Griff-Heizung, habt ihr denn keine Handschuhe da drüben in Deutschland?“

Irgendwann ist mir ist mir dann der Kragen geplatzt: „Wenn man nur bei Sonnenschein unterwegs ist, ist eine Griffheizung vielleicht überflüssig. Aber bist du schon mal 500 Meilen bei 10 Grad Celsius und strömendem Regen gefahren? Ich schon, und ich habe an meiner Mühle in Deutschland auch keine Griffheitzung. Drei paar Handschuhe hatte ich dabei. Ich weiss genau, wie sinnvoll eine Griffheizung ist. Ein Tropfen Wasser, der vom Himmel fällt, und all die harten Männer auf ihren geschniegelten Harleys sind von der Straße verschwunden. Ich war in den USA in einem Harley-Davidson-Laden. Alles blitzte und funkelte. Motorräder die aussahen, als wären sie aus einer anderen Zeit. Vitrinen mit allem möglichen Schnickschnack, und haufenweise Klamotten. T-Shirts, Baseball-Caps. Was sie allerdings nicht hatten war ein wasserdichter Sack, den man hinten aufs Motorrad packen kann. Die Verkäufer haben mich mit fragendem Blick angesehen. Bei Harley-Davidson sind noch nicht mal die Satteltaschen wasserdicht.“ Seargant Burns war ein wenig beleidigt. Aber nicht lange. Wir Motorradfahrer sind halt doch alle Freunde und winken uns freundlich zu, wenn wir uns auf der Strasse treffen. Das ist in Amerika nicht anders als in Deutschland. Und der Regen läßt auch schon langsam nach.

Amania, Iowa

Heather Baker – Dann wurde ihr Mann krank

Heather Baker wohnt mit ihrem Mann Kevin und ihren zwei Kindern in einer Sozialbauwohnung in Bartlesville, Oklahoma. Sie hat Politikwissenschaften studiert und zuletzt fünf Jahre bei Boeing als Sekretärin gearbeitet. Ihr Mann Kevin war Lehrer, gemeinsam haben sie ein Haus gekauft. Ein bescheidenes Haus, 50.000 Dollar hat es gekostet. Dann wurde Kevin krank, er bekam Rückenprobleme. Drei Mal musste er operiert werden. Er hat seinen Job als Lehrer verloren. Heather konnte alleine gerade noch die Kreditzahlungen für ihr Haus aufbringen. An einem Samstag Morgen kam mit der Post ein gelben Brief. Heather öffnete ihn mit zitternden Händen. Es hatte bereits zwei Kündigungswellen bei Boeing gegeben, nach dem 11. September lief das Geschäft mit Flugzeugen nicht mehr gut. Auch Heather verlor ihren Job. Und so hat ihnen die Bank das Haus weggenommen.

Kevin kommt ohne die Schmerzmittel, die er vom Arzt bekommt, nicht mehr aus. Er hat schon mehrere Suchttherapien hinter sich. Zur Zeit fährt er Pizza aus, sechs Dollar bekommt er dafür die Stunde, dazu kommt Trinkgeld. Vor kurzem hat er sogar als Restaurantleiter gearbeitet. Nachdem er den Job zwei Monaten hatte, hat er sich ein Auto gekauft. Man hat es ihm auf Kredit gegeben. Kevin behält seine Jobs immer nur zwei, drei Monate. 400 Dollar muss er jetzt für die Raten aufbringen, jeden Monat.