Eva Goodwin

01. OKT. 2007

02. OKT. 2017

Eva Goodwin studiert an einem Liberal Arts College für Frauen. Sie ist 21 und hat ihr Leben noch vor sich. Zwei Tage zuvor, bei meinem Gespräch mit der 1925 geborenen Bildhauerin Jean Woodham, hatte ich mit einer Frau gesprochen, die ihr Leben bereits gelebt hat. Beide haben viele Ähnlichkeiten, zwei intellektuelle Frauen aus verschiedenen Generationen. Aus einem ganz anderen Blickwinkel geht es auch bei Eva Goodwin um Identität, die Rolle der Frauen in der Gesellschaft und wie Männer diese Beeinflussen.

Es sind Sätze, die zwischen den Geschichten stehen, die erst im Rückblick Bedeutung bekommen: Wenn Eva sagt: “Viele Amerikaner haben viel Misstrauen gegenüber Akademikern und Intellektuellen…” sie führt den Gedanken nicht weiter aus. 2007 war es nur eine Beobachtung, die sich in der darauf folgenden Dekade zu einer mächtigen Geschichte auswuchs. Dieses Misstrauen gegenüber Akademikern, Intellektuellen, Experten, das Eva Goodwin 2007 beschrieb, führt auf direktem Weg zum jetzigen Präsidenten. Das heutige Amerika lässt sich ursächlich auf dieses Misstrauen zurückführen. Die jetzigen Präsidentschaft hat ihre Wurzeln darin. 2007 war es nur ein Satz, der zusammenhanglos zwischen shiny Stories steht. Ich hätte ihn damals sicherlich herausgeschnitten. Weil sich mir seine Bedeutung nicht erschlossen hätte. Ich wusste nicht, dass in diesem Satz die Saat liegt, für das, was heute wuchert.

Dieser Gedanke lässt mich nicht mehr los: Wir erzählen uns den ganzen Tag Geschichten. Und es liegt in der Natur der Geschichte: Geschichten müssen in sich geschlossen sein, abgeschlossen. Daher verkörpern sie zwangsläufig die Vergangenheit. Das Neue, die Saat, die noch nicht aufgegangen ist, äussert sich allenfalls in Beobachtungen, lässt sich aber (noch) nicht in Geschichte erzählen. Doch diese Saat ist es, die wichtig ist. Sie rechtzeitig zu erkennen gibt uns die Möglichkeiten, auf die Zukunft gestaltend einzugreifen. Dann, wenn man die Beobachtung zu einer Geschichte geronnen ist, ist es zu spät. Die Geschichte ist bereits Vergangenheit.

Die glänzenden Geschichten, die wir uns erzählen, lenken uns nur von dem ab, was zwischen den Geschichten steht. Und der Fokus unserer Zeit auf Stories macht uns in Wahrheit blind. Wir fabrizieren Geschichten indem wir das, was nicht zur Geschichte passt weg scheiden und in den Müll werfen. Und damit werfen das Relevante weg und heben das Irrelevante auf.

Hillary Clinton versuchte 2007 das erste Mal, Präsidentin der USA zu werden. Sie war damals noch die klare Favoritin im Rennen um die Vorwahlen. Barack Obama wurde dann überraschend der Spitzenkandidat der Demokratischen Partei und später Präsident.

“Würde Amerika eine Frau zur Präsidentin wählen?” – überlegt Eva Goodwin. Die selbe Frage würde zwei Präsidentschaften später wieder gestellt. Eva erzählt, warum Bekannte von ihr Hillary Clinton nicht mögen: Weil sie ihr Unterstelle, sich nur um dem Streben nach Macht willen nicht gegen ihren Mann gewandt zu haben, nach seiner Affäre mit Monica Lewinsky. Abgesehen davon, dass man, wie Eva beschreibt, ohnehin nicht wissen kann, was Hillary Clintons Entscheidung motivierte – würde man jemals auf die Idee kommen, einem Mann sein Streben nach Macht vorzuwerfen? Darum geht es doch, wenn man sich ums Präsidentenamt bewirbt.

Ach ja, und die Gans, von der am Ende die Rede ist, sie würde heute sicher Donald heissen.