Wie ein Schriftsteller

08. OKT. 2007

Es ist ein Traum. Ich fahre mit dem Motorrad durch die warme, weiche Luft Amerikas. Abends bin ich im Motel, schreibe, schneide Video, mein Computer, meine Foto- und meine Videokamera. Ich habe alles dabei, was ich brauche. Es ist anstrengend – ja. Ich stehe früh auf. Arbeite morgens ein, zwei Stunden am Computer. Packe meinen Kram zusammen und fahre los. Ich fahre den ganzen Tag. Unterbrochen von ein, manchmal zwei Tankstopps, einmal halte ich an um zu essen und einmal am Tag suche ich mir jemandem mit dem ich ein Interview machen kann. Das ist einfach.

Ich frage Leute, die vor ihrem Haus sitzen. Wenn mir tagsüber noch nicht schon einer untergekommen ist, halte ich ab vier Uhr nachmittags gezielt Ausschau. Vier Uhr ist eine gute Zeit. Das Licht ist gut, viele Leute sind von der Arbeit zu Hause und sitzen im Garten. Ich bin noch kein einziges Mal abgewiesen worden.

Heute habe ich direkt am Vormittag jemanden gefunden. Ein Mann, der in seiner Garage einen Flohmarkt veranstaltete. Garage-Sale. Das ist hier sehr üblich. Um vier Uhr habe ich mir etwas zu Essen gesucht. In dem Laden, in dem ich gelandet bin, kam ich mit einem Jungen ins Gespräch, der dort arbeitet. Mein Motorrad, mein Akzent, ich bin für die Leute interessant. Der Junge war so großartig und hat so viel von seinem Leben erzählt, ich habe ein Foto gemacht, und mir Notizen aufgeschrieben. Mein Interview des Tages hatte ich ja schon auf Band. Das Foto ist toll geworden. Ich sitze im Motel und ich fühle mich wie ein Schriftsteller. Das Motorrad steht vor der Tür, die Haut brennt von der Sonne. Seit ich losgefahren bin, habe ich keinen Alkohol getrunken, ich esse wenig. Ich bin ein wenig müde, aber voller Energie.

08. OKT. 2017
Michael Hohl kommentiert auf Facebook:

Was mich jedes Mal wieder erstaunt ist wie bereitwillig und aktiv sich die Leute auf ein Gespraech einlassen. Als haetten sie darauf gewartet das endlich mal jemand kommt und sie nach ihrer Meinung fragt. All sind auf ihre Art liebenswert und ernsthaft. Der richtige Begriff faellt mir noch ein … sowas wie Integritaet ….

Ich antworte:

Zu Beginn waren die Gespräche oft zäh. Ich sehe mir ja jetzt die Interviews wieder komplett an, und naja, das waren ja lange Gespräche. Meist mehr als eine Stunde. Die Leute entwickeln über diese Zeit Vertrauen. Ich denke, sie merken, dass ich mich für sie interessiere. Dass ich nicht darauf aus bin, eine Geschichte zu erzählen und die Leute nur brauche um mir die Bausteine dafür zu liefern.

Die Clips, die ich 2017 schneide sind in der Tat das Kondensat von 1-1/2 Stunden Gespräch. Ich habe mir die letzten Tage eine Arbeitsweise angewöhnt, bei der ich in einem ersten Schritt alles aus dem Interview herausziehe, was „intensiv“ ist. Da bleiben dann meist 15-20 Minuten übrig. In einem zweiten Arbeitsgang verdichte ich. Ich stelle fast nichts um und ich versuche nicht (mehr) in sich schlüssige Geschichten zu erzählen. Wenn etwas fehlt, fehlt es.