DAY07 – Dave Teleha

06. OKT. 2007

Es ist Samstag Vormittag, Ohio verwandelt sich in einen riesigen Flohmarkt. Die amerikanischen Autofahrer, ohnehin keine Raser, steuern ihre Schiffe noch langsamer über die Landstraßen, bremsen abrupt und fahren, ohne zu blinken, auf die andere Strassenseite, wenn wenn dort ein rot-weißes „Garage-Sale“ Schild in einer Hofeinfahrt steht. Meine BMW hat ABS, welch ein Glück.

Zu kaufen gibt es alles, was sich an überflüssigem in einem Haushalt ansammelt, und das in rauen Mengen und zu sensationellen Preisen. Ein hölzerner Kleiderständer für 5 Dollar, Ein Karton voller leerer Bierdosen aus aller Welt für 3 Dollar, 2.50 für eine auf Holz gemalte amerikanische Flagge mit acht Sternen. Ein jedes Ding scheint einen Liebhaber zu finden. Gefeilscht wird nicht, die Stimmung ist ausgezeichnet. „Hi Honey, how are you today?“

 

06. OKT. 2017

Vielleicht hat Dave Trump gewählt. Wenn man ihn vor 10 Jahren reden hört klingt es so. Dabei sagt er nur, dass er wütend ist. Darauf, dass die Fabrik, bei der er und seine Frau all die Jahre gearbeitet haben geschlossen hat. Die Fabrik ist nach Mexiko gezogen, wegen den Free Trade Agreements. Er ist wüten, dass die Versprechungen, die ihm gemacht wurden nicht gehalten wurden. Weil andere Leute nur an ihren Profit denken.

Dave sitzt in seiner Garage und verkauft den Kram, der sich über die Jahre angesammelt hat. Die Dinge, die er sich mal gekauft hat, und die ihm jetzt nur im Wege stehen.

Er redet immer über Politik. Seine Familie würde es schon nicht mehr aushalten, sagt Dave. Seine Frau nickt.

DAY12 – Sergeant Russel Burns

 

9. OKT. 2007

 

15. OKT. 2017

Für Tag 12 habe ich vier Tage gebraucht. Eigentlich hatte ich geplant jeden Tag ein Video zu schneiden – aus dem Material, das ich 2007 gefilmt hatte. Ich wollte sogar mehr Clips schneiden, um einen Vorrat zu haben, für die Tage, an denen ich arbeiten gehen muss, um Geld zu verdienen. Doch das Material ist viel zu umfangreich. Keine Ahnung wie ich es 2007 auf der Reise geschafft habe, jeden Tag ein Clip zu veröffentlichen, neben all dem anderen, was noch zu tun war. 2017 muss ich nur 10 Minuten von zu Hause in mein Atelier laufen und komme trotzdem nicht hinterher. 2007 habe ich mir während der Interviews Notizen gemacht und am Abend nur ein paar Minuten aus dem Material genommen. Jetzt sichte ich alles.

Sergeant Russel Burns ist Polizist in Indianapolis. Er ist Supervisor von fünf oder sechs Männern, die in dieser Nacht auf Streife sind. “Wenn ich Dich hier rauslasse”, sagt er, “und Du hier alleine rumläufst, ich garantiere dir, du wirst innerhalb von wenigen Minuten das Opfer eines Verbrechens.”

Russel Burns bringt mir bei, wie man eine schlechte Gegend erkennen kann. Eine Fähigkeit, die überlebenswichtig ist, wenn man in den USA alleine mit dem Motorrad unterwegs ist. “Da wo du herkommst muss man sich nicht über so etwas Gedanken machen?” fraget Russel Burns, “das ist ja interessant.”

In dieser Nacht sehe ich das erste mal auf meiner Reise eine Waffe. Ich werde noch einige zu Gesicht bekommen. Es ist auch die Nacht, in der ich anfange, Angst zu bekommen, keine große Angst, doch sie wird mich von da an immer begleiten, so lange ich in den USA bin.

Russel Burns bringt mir in dieser Nacht einige Dinge über Amerika bei. Über Rassismus, Gentrifizierung, den Irak-Krieg, Drogen und vieles mehr.

2007 musste ich am nächsten Tag schon wieder weiter. 2017 nahm ich mir vier Tage, das Video zu schneiden. Es ist 28 Minuten lang und “total fesselnd”, wie meine Frau gesagt hat, die es als erste sah.

EXTRA CLIP! Sergeant Russel Burns ist ein „Harley Boy“. Nichtsdestotrotz will er unbedingt einen Blick auf meine BMW werfen:

DAY11 – Yollanda Maddrey – Wir werden deinen Hund töten

8. OKT. 2007

Yolanda erzählt von ihrem Hund und wie man ihn ihr weggenommen hat. Yolanda war die erste Frau im Police Departement Dowagiac, Michigan. Die Kollegen waren ausgesprochen nett, haben sich fürsorglich um sie gekümmert. Yolanda war acht Jahre bei der Polizei, bevor sie, in einem anderen Ort, in die K-9 Unit aufgenommen wurde. Die K-9 Unit ist die Hundestaffel der Polizei, sie begreift sich als eine Elite-Einheit. Ihr Hund hieß „Zyrus“, sie hat diesen Hund geliebt. „Weißt du, du lebst mit dem Hund, du arbeitest mit dem Hund, der Hund ist dein Kollege, du bist den ganzen Tag mit ihm zusammen.“

Doch es gab Kollegen, die haben es nicht ertragen, dass eine schwarze Frau bei der K-9 Unit ist. Man hat ihr anonym aufs Telefon gesprochen. „Du verdienst deinen Hund nicht.“ „Wir werden deinen Hund töten.“ Ihre Vorgesetzten haben Yolanda nicht geholfen. Man hat sie unter Druck gesetzt. „Entweder, Du gibst den Hund auf, oder du wirst gefeuert.“ Yolanda wollte ihren Hund nicht aufgeben. So hat man sie rausgeschmissen. Sie ist vom Land in die Stadt gezogen und arbeitet jetzt bei der Polizei in Indianapolis. Sie geht nachts auf Streife. Sechs Tage am Stück, dann hat sie drei Tage frei. An ihren freien Tagen hat sie noch einen anderen Job, in ihrer Polizeiuniform, an einer High-School: sechs Security-Leute passen dort auf 2500 Schüler auf.

11. OKT. 2017

Wer in des USA ein Motorrad kauft, bekommt noch ein paar wichtige Tipps gratis mit dazu: Wie man am besten lernt, Motorrad zu fahren.

Ich hatte nicht sehr lange vor meiner Reise durch die USA meinen Motorradführerschein in Deutschland gemacht. Es war eine Ausbildung, für die ich mich mit anderen Männern in ein Klassenzimmer setzte und Abende lang Theorie hörte. Es gab viele Stunden praktischer Übungen in denen einem der Respekt vor der Kraft der Maschine beigebracht wurde.

In den USA hat man sehr viel mehr Vertrauen in die Vernunft des Individuums. Offenbar geht man davon aus, dass sich jemand, der für sein Glück selbst verantwortlich ist, entsprechend verantwortungsvoll verhält.

DAY13 – Marilyn Schwartz – Crystal Meth

11. OKT. 2007

Marilyns Exmann ist Arzt und lehrt an der Universität von Vincennes in Indiana. Er ist in der Kirche engagiert, zusammen mit ihrem Sohn lebten sie in einem großen Haus. Marilyn hat alles verloren. Sie hat fast 10 Jahre lang Methamphetamin genommen, mann nennt es auch Crystal. Die erste Dosis hat sie von ihrer Nichte gekauft, für 25$. Ihre Nichte hat das Zeug in großem Stil hergestellt. Dafür sitzt sie heute im Knast.

Auch Marilyns Sohn ist im Gefängnis, wegen den Drogen. Zu ihrem Mann hat sie keinen Kontakt mehr. Sie lebt in einer kleinen Sozialwohnung in der Kleinstadt Washington, Indiana. 782$ bekommt sie im Monat von der staatlichen Social Security Disability Insurance. Marilyn ist glücklich, dass ihr das alles widerfahren ist. Es habe ihr den Weg zu Gott gezeigt, sagt sie.